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4.1 Efficiency First

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4.1 Efficiency First

These 1: Efficiency First führt zu einer Kostenoptimierung der Energiewende und verstärkt den Dekarbonisierungseffekt der Erneuerbaren Energien.
„Eine Energieeinheit, die eingespart werden kann, muss nicht erzeugt, gespeichert und transportiert werden“, so die grundlegende Efficiency First-Prämisse. Energieeffizienz spart Energie, trägt zur Verringerung von Treibhausgasemissionen bei und erleichtert insgesamt die Umstellung unserer Energieversorgung auf erneuerbare Energien.

Zukünftig sollen energiepolitische Weichenstellungen stärker von dem grundsätzlichen Anspruch geprägt sein, möglichst weitgehende und wirtschaftliche Einsparungen überall dort anzustreben, wo dies gesamtwirtschaftlich kostengünstiger ist als der Zubau neuer Erzeugungs-, Speicher- und Netzkapazitäten. Eine sinnvolle, auf den konkreten Kontext hin angepasste Priorisierung von Energieeffizienz vor dem Ausbau von Erzeugungskapazitäten kann zu einer Kostenoptimierung des Energiesystems führen und die Chance erhöhen, im Rahmen des noch verbleibenden Treibhausgas-Budgets zu bleiben. Aus einer planerischen Perspektive führt die Umsetzung von Efficiency First dazu, dass die Dimensionierung und Ausgestaltung des Systems vorrangig von der Nachfrageseite bestimmt wird.


These 2: Das Leitprinzip Efficiency First wird zum strategischen Planungsinstrument für unser Energiesystem.
Wenn das Energiesystem vorrangig von der Angebotsseite geplant wird (Import, Produktion, Erzeugung und Verteilung), besteht die Gefahr einer Überdimensionierung von Infrastrukturen, wenn entweder Einsparungen mit hohem Systemnutzen nicht gehoben oder bereits abzusehende Verbrauchsreduktionen nicht in die Planung und Organisation der Energieinfrastruktur einbezogen werden. Dieser Effekt ist deshalb besonders prägend, da im Energiesystem erhebliche Pfadabhängigkeiten aufgrund langfristiger Investitionshorizonte bestehen (kapitalintensive Investitionen in Infrastrukturen mit langer Lebensdauer). Dies gilt in hohem Maße auch für Effizienzinvestitionen (z.B. in Gebäudehüllen, Produkte, Produktionsapparate, Anlagen-Infrastruktur etc.).

Mit Efficiency First wird die Planung und Organisation des Energiesystems vorrangig von der Nachfrageseite her gedacht. Um Mehrkosten bei der Systemplanung und Systemerweiterung zu vermeiden, sollten künftig verschiedene Szenarien für die Entwicklung des Energiebedarfs aufzeigen, welche alternativen Optionen für Vermeidung bzw. Energieeinsparung oder Energieeffizienzverbesserung bestehen. Auf dieser Basis kann das Versorgungssystem gesamtwirtschaftlich kosteneffizient dimensioniert und ausgestaltet werden. Neben den übergeordneten Planungsinstrumenten (und der Veränderung von Planungsroutinen) ist das Prinzip des Efficiency First insbesondere in diejenigen operativen Instrumente zu überführen, mit denen die Investitionen und Kosten des Energiesystems mittelfristig gesteuert werden.


Energieeffizienzstrategie Gebäude:
Die von der Bundesregierung im November 2015 verabschiedete Energieeffizienzstrategie Gebäude (ESG) zeigt auf, wie die beiden Optionen Energieeinsparung und Einsatz erneuerbarer Energien systematisch analysiert und in einen integrierten Handlungsansatz eingebunden werden können. Dazu wurden zwei Zielszenarien erarbeitet, die das Ziel des nahezu klimaneutralen Gebäudebestands bis 2050 abbilden und damit einen Korridor aufspannen, innerhalb dessen die angestrebte Reduktion des Primärenergiebedarfs erreicht werden kann:

  • Zielszenario „Energieeffizienz“: Dieses Szenario setzt auf eine maximale Steigerung der Energieeffizienz bis 2050 durch Energieeinsparung bis zur aus heutiger Sicht maximal erreichbaren Grenze von -54 Prozent gegenüber 2008. Dadurch ergibt sich ein geringerer Bedarf an erneuerbaren Energien.
  • Zielszenario „Erneuerbare Energien“: Dieses Szenario setzt stärker auf den Ausbau erneuerbarer Energien und eine etwas geringere Effizienzsteigerung.

Das Zielszenario „Energieeffizienz“ weist im Jahr 2050 einen deutlich geringeren Strombedarf auf als das Zielszenario „Erneuerbare Energien“, d.h. der Anpassungsbedarf der Ausbaupfade für erneuerbaren Strom dürfte geringer sein. Zudem erfordert dieses Szenario weniger Biomasse. Allerdings würde das Szenario bei Wohngebäuden zu höheren Investitionskosten führen. So sind im Gebäudebereich erhebliche Effizienzpotenziale durch Maßnahmen wie Dämmung der Gebäudehülle, Einsatz effizienter Fenster und Anlagen vorhanden. Allerdings bestehen sowohl technische als auch wirtschaftliche Grenzen: Zum einen lässt sich die energetische Qualität z.B. der Gebäudehülle nicht beliebig verbessern. Zum anderen sind bei der Sanierung von Gebäuden anfängliche Effizienzgewinne noch relativ günstig zu erreichen, zusätzliche Fortschritte sind aber oft mit ansteigenden Kosten verbunden.

Das Zielszenario „Erneuerbare Energien“ zeigt, dass im Gebäudebereich nennenswerte Potenziale für den Einsatz erneuerbarer Energien bestehen. Durch den Einsatz nachhaltiger, vorwiegend fester Biomasse, Nutzung der Umweltwärme sowie durch Solarthermie und Photovoltaik lassen sich diese Potenziale heben. Auch hierbei bestehen jedoch technische und wirtschaftliche Grenzen der Nutzung. Das Szenario unterstellt einen deutlich höheren Biomasseeinsatz als das Effizienzszenario. Vor dem Hintergrund, dass Biomasse zur energetischen Nutzung begrenzt ist und somit Nutzungskonkurrenzen bestehen, stellt sich die Frage, in welchen Energiesektoren sie langfristig effizient eingesetzt wird. Bei insgesamt geringerer Effizienzsteigerung ist der Einsatz von Wärmepumpen deutlich begrenzter, da diese nur im Niedertemperaturbereich von Flächenheizungen (i.d.R. Fußbodenheizungen) in hocheffizient gedämmten Gebäuden wirtschaftlich und effizient betrieben werden können. 

Leitfragen:

  1. Wie kann das Prinzip Efficiency First in allen Sektoren systematisch angewandt werden?
  2. Wie können Grundlagen (z.B. Kostenkennwerte) für eine systematische Abwägung der Grundentscheidung „Energiebedarf senken vs. Kapazitäten für die Bedarfsdeckung erhalten bzw. schaffen“ aussehen? 

These 3: Die Schaffung eines gemeinsamen Rechtsrahmens für Energieeffizienz erleichtert eine gesetzliche Verankerung des Prinzips Efficiency First.


Für das Handlungsfeld Energieeffizienz existiert bislang kein sektorenübergreifender Rechtsrahmen. Für verschiedene Anwendungsbereiche gibt es entsprechende Regelungswerke und Rechtsgrundlagen. Je nach betroffenem Akteur bzw. Sektor finden dementsprechend unterschiedliche Rechtsgrundlagen Anwendung.

Zu klären ist, inwieweit die Verankerung des Efficiency First-Prinzips als Planungs- und Organisationsprinzip im gesamten Effizienzbereich durch gesetzliche Maßnahmen weiter vorangebracht werden könnte. Beispielsweise könnte ein Energieeffizienzgesetz eine Kaskade für das Verhältnis von Energieeinsparung, effizienter Nutzung und Energieerzeugung definieren. Auch sollten die Vor- und Nachteile und verschiedenen Optionen einer Zusammenführung des energieeffizienzrechtlichen Normenbestandes in einem gemeinsamen Rechtsrahmen ermittelt werden.

Im Sinne von Efficiency First könnten in einem Energieeffizienzgesetz zum Beispiel die nationalen Effizienzziele gesetzlich verankert werden. Rechtssystematisch könnte ein Energieeffizienzgesetz (EnEffG) zu Vereinheitlichungen beitragen und eine konsistente Entwicklung der Rechtsmaterie ermöglichen. Auch neue Anforderungen, mit denen in Zukunft zu rechnen ist (z.B. Umsetzung von EU-Recht, Qualitätssicherung in der Beratung), ließen sich in ein EnEffG integrieren. Mit einem EnEffG, in dem Ziele niedergelegt sind, könnte langfristig auch eine Verzahnung der Bereiche EE-Strom und Energieeffizienz, z.B. im Hinblick auf eine konsistente Festlegung von Zielvorgaben, erleichtert werden. Eine entsprechende Verknüpfung wird beispielsweise für das Handlungsfeld Sektorkopplung zunehmend an Bedeutung gewinnen.

 

Je nach Inhalt würden durch ein Energieeffizienzgesetz aber auch neue Fragen entstehen, die zu diskutieren sind. Hilft die gesetzliche Verankerung von Zielen tatsächlich beim Hauptproblem im Effizienzbereich, der Umsetzung der bereits bestehenden Ziele? Überwiegt der Mehrwert eines Effizienzgesetzes den Aufwand und mögliche Nachteile, die mit einer Zusammenführung des Normenbestandes verbunden sein könnten (wachsende Zielkomplexität im Energiebereich, mögliche neue Zielkonflikte, Verhältnis zur bestehenden Zielhierarchie des Energiekonzepts)?

Leitfragen:

  1. Bieten eine Zusammenführung des energieeffizienzrechtlichen Normenbestandes und eine gesetzliche Verankerung der Energieeffizienzziele in einem gemeinsamen Rechtsrahmen einen Mehrwert?
  2. Falls ja, welche Bereiche sollte ein Energieeffizienzgesetzabdecken, und wie ließe sich in einem allgemeinen Teil das Prinzip Efficiency First verankern?  

 

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